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Sylvia Stöbe
Vom "Scheitern" der Moderne
Ich denke, dass eine Planungstheorie - wie zum Beispiel die der Moderne der 50er oder 60er Jahre - nicht „scheitern“ kann. „Scheitern“ ist hier der falsche Begriff. Planungstheorien überleben sich vielleicht, in dem sie in den Hintergrund treten. Sie sind irgendwann nicht mehr aktuell oder nicht mehr modern, wenn sich eine neue bessere Planungstheorie entwickelt hat. Akzeptieren wir die Planungstheorien vergangener Tage als Ideen einer Zeit und verstehen wir sie aus den Bedürfnissen ihrer Zeit heraus. Wenn wir heute andere Ideen und andere Bedürfnisse haben, heißt das nicht, dass damit schon die alten Ideen gescheitert wären. Irgendwann wird auch die aktuelle Planungstheorie zum alten Eisen gehören und dann werden wir uns fragen, warum wir den wahnsinnigen Anspruch hatten, die ganze Stadt damit zu beglücken. Die verantwortlichen Planer Berlins sollten es sich lieber zur Aufgabe machen, für jeden etwas anderes bieten, damit jedem sein eigenes Berlin zur Verfügung gestellt werden kann und nicht den Anspruch erheben, überall ihre immergleichen Duftmarken niederzulassen.
Anders als in anderen Fachgebieten müssen wir in der Architektur-, Stadt- und Landschaftsplanung mit den Folgen jeder Planungstheorie leben. Es wird immer nach der jeweils aktuellen Planungstheorien gebaut. Diese Bauten stehen dann aber manchmal hunderte von Jahren. Verschiedenste Ansätze stehen also nebeneinander und bilden in der Stadt eine heterogene Collage. Gerade in Berlin wird diese Vielfalt oft als Chaos bezeichnet, dennoch ist dieses vermeintliche Chaos ein Ausdruck all dessen, was Berlin ausmacht und was auch von vielen seinen Bewohnern und Besuchern geschätzt wird, weil wir für jede unserer Stimmungen und Lebenslagen einen geeigneten Raum finden können.

Hans Scharouns Gedanke einer Stadtlandschaft - einer Stadt, die ohne Konflikt mit der Natur lebt, die die Natur in sich aufnimmt - entstand aus einer Mangelsituation. Die Stadt war dicht bebaut, es war ungesund in ihr zu leben. Man wollte mehr Grün in die Stadt zurückzubringen, weitere und offene Räume zu bilden, um der Enge der alten Stadt etwas entgegenzusetzen. Dies waren zu dieser Zeit verständliche und richtige Gedanken. Verhängnisvoll war nur die Bestrebung, diese Erkenntnis auf die ganze Stadt und das ganze Land zu übertragen und damit eine homogene Wirklichkeit bilden zu wollen. Die Folge dieser Übertreibungen führte zu dem Wunsch, den nun als zu offen empfundenen Raum wieder begrenzen zu wollen, wieder erlebbare Stadträume zu bilden. In den 70er Jahren kümmerte man sich dann mehr um die Erhaltung von Gebäuden als um den Abriss, es wurde mehr Wert auf die Restaurierung von Gebäuden gelegt.

Diese richtige und notwendige Wende darf nun aber nicht dazu führen, wieder die ganze Stadt nach einem Bilde zu formen. Wir freuen uns über die neue Erkenntnis, dass auch enge Stadträume eine Qualität haben — denn viele Krankheiten, die hiermit damals assoziiert wurden, gelten heute als überwunden. Wir dürfen nur jetzt nicht den Fehler machen, wieder genauso vorzugehen wie es die Moderne tat. Wir können nicht bei jeder neuen planungstheoretischen Wende die ganze Stadt wieder gegen den Strich bürsten. Wir sollten nicht jede Ecke, die uns heute leer und unbebaut erscheint, mit irgendeiner Baumasse füllen; Besonders sollten wir uns dabei nicht allein auf städtebauliche Gründe berufen. Nur wenn ein Bedarf einer Nutzung besteht, müssen wir darüber nachdenken, wo dieser Bedarf am besten erfüllt werden könnte. In den hier vorgestellten Entwürfen werden nur Baumassen verteilt. Wir zerstören ohne Not ein städtebauliches Ensemble, das einen historischen Wert besitzt und für die Besucher und Bewohner der Stadt einen Denkmalwert hat. Wir sollten erst einmal nach den Zielen und den Aufgaben fragen, ehe wir Pläne machen. Eine Analyse des zu beplanenden Bereiches muss jeder Planung vorangehen.



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Scharoun als statisches Modell


Kommentare

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Kommentar von Prof. H. Kendel
05.07.2004 | 17:26
Ganz hervorragend
Wer könnte das schöner sagen! Ich wünschte Sie wären der Senatsbaudirektor, oder der würde sich das zu Herzen nehmen. Satz für Satz! Die Qualität einer Stadt besteht ja gerade darin, dass die vielen (vielleicht auch verrückten) Ideen, die unsere Vorfahren hatten, für uns Nachgeborenen direkt erfahrbar sind. Dass sie sich "organisch" im Laufe der Zeit in das ganze Kontinuum ein- und zusammenfügen.

Ein wertvolles Kunstwerk der Vergangenheit zerstören wir ja auch nicht mit allerhand Zutaten, die es dann verunglimpfen. Vielleicht ergänzen wir Fehlendes und vielleicht machen wir das mit modernem Material, damit man sieht, was alt ist und was - zum besseren Verständnis - ergänzt worden ist. Aber, was wir auch tun, wir tun es behutsam.

Also nichts bauen, bevor wir nicht wissen, was dort nottut. Lass uns zunächst die Autos unter die Piazzetta räumen, vielleicht die Landschaft noch etwas mehr hereinholen, und wenn dann die östliche Platzwand des Kirchplatzes für Veranstaltungen und zur Belebung tatsächlich nötig wird, können wir die mit den modernsten Mitteln behutsam ergänzen. Ich sehe schon, ich kann es nicht so gekonnt und ausgewogen formulieren. Hermann Kendel
Lob von roman bittner
06.07.2004 | 14:04
versöhnliche zusammenfassung
Zwischenzeitlich ist die diskussion zwischen den "verdichtern" und "scharoun-bewahrern" in diesem forum genauso hart und unversöhnlich geführt worden, wie in den offiziellen debatten. Am ende bemerkte man eine art stillstand. Obwohl Sie sich in Ihrem artikel klar für eine seite ausprechen, der ich mich nicht immer anschliessen würde, ist der gesamte tenor doch versöhnlich und konstruktiv - das hat seit langem gefehlt und daran könnte das ganze forum anknüpfen!
Fragestellung von Stuewel
08.07.2004 | 17:42
Kulturforum als Denkmal?
Sowohl diese Argumentation von Sylvia Stöbe, wie auch die 'Glosse' von Duewel "Scharoun als statisches Modell" sind für mich eine sehr klare Beschreibung der Lage. Beide Beschreibungen halte ich für zutreffend, seltsamerweiese kommen die Autoren jedoch zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Der eine will einen Schlussstrich unter die Debatte ziehen. Die andere will dies als Stück Zeitgeschichte gleichberechtigt neben der Gegenwart und Zukunft stehen lassen. Können wir es uns leisten das Kulturforum als Denkmal zu nutzen?
Antwort von Sylvia Stöbe
09.07.2004 | 09:58
Kulturforum als Denkmal?
Zunächst einmal vielen Dank für das Lob von allen(!) Seiten.
Zur Frage, ob wir uns "Scharoun" als Denkmal leisten können, möchte ich Folgendes anmerken: Es ist die Frage, ob der Verkauf von einigen Grundstücken mehr Geld in Berlins Kassen bringt als eine Bewahrung im Sinne der Ursprungsplanung. Besucher der Stadt bringen ja auch Geld in die Kassen und eine sensible Planung kann den Wert dieser Anlage allgemein hervorheben. Man könnte mit dem Begriff "Bewahrung" aber auch flexibel umgehen und temporäre Bauten zulassen, falls eine sinnvolle Nutzung gefunden werden kann, um mehr Leben in diesen Bereich zu bringen.
Fragestellung von Moderation
10.07.2004 | 14:42
Konsequenzen für die Nutzung?
Der Aufruf zur Gleichberechtigung von zeitgeschichtlichen Ideen ist eine zentrale Aussage von Frau Stöbe, die zwar nicht von allen unterstützt, wohl aber respektiert wird. Vielen Dank an dieser Stelle an alle Seiten für den kooperativen Umgang!
Als eine mögliche bauliche Konsequenz dieses Ansatzes werden temporäre Bauten genannt.
Welche Nutzung sollten sie beinhalten und in welchem Verhältnis würden sie zu der immer wieder geforderten Belebung des Ortes stehen?

Mit bestem Gruß
Wiepke van Aaken (Moderation)


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Info zum Artikel
Von: Sylvia Stöbe
Thema:
05.07.2004 | 15:47
Artikel-Nr.: 212

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